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Food Revolution
John Robbins
"Ernährung - der Weg zu einem gesunden Leben in einer
gesunden Welt"
"Sorgfältig recherchiert, ausgesprochen gut lesbar und schonungslos wahr...
Wenn jeder Patient im Wartezimmer dieses Buch läse, wäre eine
Gesundheitsrevolution die Folge." Neal Barnard, Präsident des
Ärztekomitees für verantwortungsvolle Medizin.
"Für unsere Gesundheit und die Gesundheit unseres Planeten könnte Food
Revolution das wichtigste Buch werden, das je geschrieben wurde." Neale
Donald Walsch, Autor von Gespräche mit Gott
Eine bedeutsame Erfahrung von John Robbins. Er schreibt darüber
in seinem Buch:
" Vor vielen Jahren traf ich in Iowa einen Mann, der mir,
ehrlich gesagt, auf Anhieb nicht besonders sympathisch war. Er führte einen,
wie er es nannte, "Betrieb, der Schweinefleisch produzierte". Ich hätte es
eher als eine "Hölle für Schweine" bezeichnet. ...
Der Besitzer dieses Alptraums wog, da bin ich mir sicher, mindestens 120
Kilogramm. Noch beeindruckender fand ich jedoch, dass er aus Beton gemacht
zu sein schien. seine Bewegungen waren von einer Eleganz, die sich nur
unwesentlich von der einer Mauer unterschied.... Ich hielt mich mit meiner
Meinung über ihn und seinen Betrieb jedoch zurück, da ich verdeckt
ermittelte. Ich wollte möglichst viel über die moderne Fleischproduktion in
Erfahrung bringen, indem ich Schlachthäuser und Massentierhaltungsbetriebe
aufsuchte. ...
Ich sagte dem Farmer, ich sei ein Forscher, der über Tierzucht
schreibe, und bat ihn um ein paar Minuten seiner Zeit. ... In dieser
Situation fühlte ich mich nicht gerade wohl. Und das wurde auch nicht
besser, als wir die Ställe betraten, in dem die Schweine untergebracht
waren. mein Unwohlsein vergrößerte sich sogar noch, denn der Gestank, der
mir entgegenschlug, war kaum auszuhalten.
Dieses Gebäude stank penetrant
nach Ammoniak, Schwefelwasserstoff und anderen giftigen Gasen aus den
Tierexkrementen, die viel zu lange angehäuft worden waren. So ekelerregend
der Geruch für mich auch war, ich stellte mir dennoch die Frage, wie das
wohl für die Tiere sein musste. Schweine und Hunde besitzen in ihrer Nase
200-mal mehr Riechzellen als wir Menschen. In natürlicher Umgebung sind sie
beim Stöbern in der Erde dazu in der Lage, fressbare Wurzeln auch dann noch
zu riechen, wenn sie tief in der Erde sitzen. ..
Für die Schweine gab es
kein Entkommen. Sie waren kaum in der Lage, einen einzigen Schritt zu
machen. Sie waren gezwungen, diesen Gestank in fast völliger
Bewegungslosigkeit zu ertragen. ...
Der Besitzer dieser Anlage - so viel
gestehe ich ihm zu - war so freundlich, all meine Fragen zu beantworten.
Diese drehten sich in der Hauptsache darum, welche Medikamente er
einsetze,... Nach ungefähr 15 Minuten hatte ich genug und war bereit zu
gehen.
Ich hatte das Gefühl, dass auch er froh war, mich gleich los zu
sein. dann passierte etwas, das mein Leben für immer verändern sollte - und
auch seines. Es begann damit, dass seine Ehefrau hereinkam und mich
freundlich einlud, zum Abendessen zu bleiben. .... Ich weiß nicht, ob sie
jemals etwas getan haben, ohne genau zu wissen warum. Ich kann Ihnen auch
nicht sagen, warum ich sagte: " Ja ich würde mich sehr freuen." Ich blieb
zum Abendessen, obwohl ich kein Schweinefleisch aß. ich erklärte einfach,
mein Arzt sei sehr besorgt über meinen hohen Cholesterinspiegel. ich
erwähnte weder, dass ich Vegetarier bin, ... Ich bemühte mich, ein höflicher
angenehmer Gast zu sein. Ich vermied alle Themen, die zu einer
Auseinandersetzung hätten führen können.....
Plötzlich und für mich völlig
überraschend zeigte der Mann mit dem Finger auf mich und sagte mit äußerst
bedrohlicher stimme: "Manchmal wünsche ich mir, dass ihr Tierschützer
einfach tot umfallen würdet."...Ich versuchte, mich ein wenig von der
Tierschutzbewegung zu distanzieren, ...
Er stammelte: Sie werfen mir vor,
dass ich meine Tiere misshandle." "Wie können die so etwas behaupten?",
fragte ich wohlwissend, warum solche Vorwürfe an ihn herangetragen
wurden....
Sehr zu meiner Überraschung war seine Antwort zwar ärgerlich, aber
gut formuliert. er teilte mir ganz genau mit, was Tierschutzgruppen zu
Betrieben wie dem seinen sagen. Er erklärte mir eingehend, was sie gegen
seine Art des Umgangs mit den Tieren einzuwenden haben. dann ließ er mich
wissen, wie sehr er es hasse, als grausam bezeichnet zu werden. Die
Tierschützer sollten sich doch gefälligst um ihre eigenen Angelegenheiten
kümmern....
Mir wurde klar, und darüber war ich sehr glücklich, dass er mir
nichts Böses wollte und nur Luft ablassen musste. Ein Teil seiner
Frustration rührte daher, dass er sich selbst nicht ganz wohl dabei fühlte,
wie er mit den Tieren umging - dass er sie etwa in so kleinen Käfigen hielt,
ihnen so viele Medikamente gab und die Frischlinge kurz nach der Geburt von
der Mutter trennte. Er sah einfach keine andere Möglichkeit. Wenn er es
anders machen würde, hätte er wirtschaftliche nachteile und ging im
Wettbewerb unter.
So mache man das eben heute, sagte er, und so müsse er es
eben auch machen. Ihm gefiele das nicht. Doch noch weniger gefiele ihm, für
das angeklagt zu werden, was er tun müsse, um seine Familie zu ernähren. ...
Im Laufe des weiteren Gespräches wuchs meine Achtung vor diesem Mann, den
ich noch vor wenigen Stunden innerlich aufs Schärfste verurteilt hatte. Er
besaß viel Anstand und er wünschte sich sehr, dass sich die Bedingungen in
der Tiermast irgendwie verbesserten. Je mehr ich jedoch das Gute in ihm zu
sehen begann, umso mehr fragte ich mich, wie er seine Schweine nur auf diese
Weise behandeln konnte. Ich ahnte noch nicht, dass ich es schon bald
herausfinden sollte...
Während wir uns weiter unterhielten, machte er
plötzlich ein todunglückliches Gesicht. Er beugte sich nach vorn und hielt
seine Hände vors Gesicht. Er sah aus wie ein gebrochener Mann. ... Hatte er
einen Herzinfarkt?..."Was ist los?" fragte ich ihn.
Es dauerte eine Weile,
bis er antwortete.... "Es ist nicht so schlimm", sagte er, "und ich möchte
nicht darüber sprechen." Als er das sagte, machte er eine Handbewegung, als
ob er etwas von sich weg schieben wollte. ... Einige Zeit später wiederholte
sich diese Situation. Wieder wirkte er zutiefst niedergeschlagen und von
Gefühlen überwältigt. Ich saß da und es fiel mir schwer, seinen Zustand mit
anzusehen. Ich spürte förmlich, wie er litt. Ich bemühte mich einfach
präsent zu sein. Ich vermochte kaum noch zu atmen.
Auf einmal blickte er zu
mir auf und ich merkte, dass seine Augen feucht waren. " Sie haben recht",
sagte er. ... Er fuhr fort: "Kein Tier sollte so behandelt werden. Und
Schweine erst recht nicht. Wussten Sie, dass Schweine sehr intelligente
Tiere sind? Sie sind sogar freundlich, wenn man sie richtig behandelt. Ich
mache das nicht."
Seine Augen füllten sich mit Tränen.
Er erzählte mir,
dass er sich gerade an ein Erlebnis aus seiner Kindheit erinnert habe, das
er für viele Jahre verdrängt habe. Allmählich wurde diese Erinnerung immer
deutlicher. Er ließ mich wissen, dass er auf einer kleinen Farm im
ländlichen Missouri aufgewachsen sei. Sein Zuhause sei eine altmodische Farm
gewesen, auf der die Tiere frei umherliefen. Es habe Weiden und Wiesen
gegeben, und alle Tiere hätten Namen gehabt. Er sei das einzige Kind seiner
Eltern gewesen. sein Vater sei sehr dominant gewesen.
Er habe sich als Kind
oft einsam gefühlt, weil er keine Geschwister gehabt habe. Nur unter den
Tieren habe er Freunde gefunden, insbesondere bei einigen Hunden. Zu
meiner großen Überraschung erzählte er mir davon, dass er auch ein Schwein
als Haustier gehabt habe.
Während er
von diesem Schwein sprach, wirkte er wie ein ganz anderer Mensch. Zuvor
hatte er mit einer sehr monotonen Stimme erzählt. Doch plötzlich wurde seine
Stimme lebendig. seine Körpersprache, die bis dahin eher bemitleidenswert
wirkte, erschien mir auf einmal frisch und munter. Er erzählte, wie er im
Sommer in der Scheune geschlafen habe. Dort sei es kühler gewesen als im
Haus. Sein Hausschwein habe neben ihm gelegen, und er habe ihm seinen Bauch
gestreichelt.
Auf der Farm
habe es einen kleinen See gegeben, in dem er gern gebadet habe, wenn es heiß
war. Doch einmal sei einer der Hunde ihm dabei immer wieder auf den Rücken
gesprungen und habe ihn daran gehindert, schwimmen zu lernen. Da sei sein
Hausschwein dazu gekommen und habe bewiesen, dass es die Situation genau
verstanden habe. Das Schwein sei ebenfalls ins Wasser gesprungen und ihm zur
Hilfe geeilt: Es habe sich zwischen ihn und den Hund begeben. Immer wenn der
Hund ihn aufs Neue anspringen wollte, habe ihn das Schwein zurück gehalten.
Ich saß also
da und hörte zu, wie mir der Schweinezüchter von seinem früheren Hausschwein
erzählte. Wir freuten uns gemeinsam an dieser Geschichte und waren erstaunt,
welche Wendung unser Gespräch genommen hatte.
Doch dann
verdunkelte sich seine Miene erneut und zeigte tiefe Niedergeschlagenheit.
Wiederum spürte ich, wie traurig er sich innerlich fühlte. Ich merkte, wie
er gegen Angst und Schmerz ankämpfte. Doch ich wusste nicht genau, was in
ihm vorging oder wie ich ihm helfen könnte. "Was ist mit dem Schwein
geschehen?", fragte ich ihn. Er seufzte und mir schien, es läge das Leid der
ganzen Welt in diesem Seufzer. dann sagte er mit leiser Stimme:
"Mein Vater wollte mich zwingen, es zu schlachten."
"Haben Sie es getan?" fragte ich.
"Ich lief weg, konnte mich aber nicht verstecken.
Sie fanden mich."
"Was passierte dann?"
"Mein
Vater stellte mich vor die Wahl." "Welche?" "Er sagte zu mir: "Entweder
schlachtest du dieses Tier oder du bist nicht länger mein Sohn.""
Was für
eine Entscheidung, dachte ich bei mir. Es kommt so häufig vor, dass Väter
ihren Söhnen beibringe, keine Gefühle zu zeigen und stark und mutig zu sein.
Und allzu oft erziehen sie ihre Söhne so zu Kaltblütigkeit und
Herzlosigkeit.
"Also habe
ich es getan", sagte er, während die Tränen an seinen Wangen herabflossen.
Ich sah, wie stark seine Gefühle waren.
Noch vor
wenigen Stunden war ich der festen Überzeugung gewesen, dass dieser Mann
völlig gefühllos sei. Jetzt saß er vor mir, einem Fremden, und weinte.
Dieser Mann, den ich als grausam und herzlos eingeschätzt hatte, war in
Wirklichkeit ein Mensch, der zu tiefem Mitgefühl fähig war. Mein erster
Eindruck war falsch, völlig falsch gewesen.
Einige
Minuten später wurde mir klar, was hier geschah: Der Schweinezüchter hatte
sich an etwas erinnert, das unerträglich schmerzhaft für ihn gewesen war.
Also hatte er sich von dieser Erfahrung und den Gefühlen, die damit
verbunden waren, distanziert. Er hatte sich verschlossen. Es war einfach zu
leidvoll, als dass er sich damit weiter hätte beschäftigen können. Er traf
damals irgendwo in seiner jungen, noch formbaren Psyche die Entscheidung,
dass er niemals wieder so sehr verletzt werden und niemals wieder so stark
empfinden wollte. Er errichtete in seinen Psyche eine Mauer um dieses
Erlebnis und den damit verbundenen Schmerz. Hinter dieser Mauer lagen seine
Liebe und seine Zuneigung zu diesem Schwein. Hinter dieser Mauer lag sein
Herz.
Und nun,
viele Jahre später, stand er vor mir als ein Mann, dessen Beruf es ist,
Schweine zu schlachten. Noch immer, so dachte ich mir, befand er sich auf
der Suche nach der Anerkennung seines Vaters. Es ist mitunter unglaublich,
sagte ich zu mir selbst, was Männer tun, um die Anerkennung ihrer Väter zu
bekommen.
Nun sah ich
die Wahrheit. seine Steifheit war kein Mangel an Gefühl, wie ich zuerst
gedacht hatte, sondern das genaue Gegenteil. Sie war ein Zeichen dafür, wie
empfindlich er unter der Oberfläche war. Wäre er nicht so empfindsam
gewesen, dann hätte ihn das Erlebnis in seiner Kindheit auch nicht so sehr
verletzt.
Die
Anspannung in seinem Körper, die mir sofort an ihm aufgefallen war, und
seine "raue Schale" zeigten nur, wie tief er verletzt war und wie stark die
Gefühle waren, die sich hinter dieser Fassade verbargen.
Ich hatte
ihn verurteilt. Ehrlich gesagt, hatte ich ihn gnadenlos verurteilt. Doch für
den Rest des Abends saßen wir zusammen, und ich war dankbar für jenen teil
in ihm, der stark genug war, ihm diese lange verdrängte und zutiefst
schmerzhafte Erinnerung zu ermöglichen. Ebenso glücklich war ich darüber,
dass ich nicht in meinen Vorurteilen stecken geblieben war. denn sonst hätte
ich ihm nicht den für die Erinnerung an sein traumatisches Kindheitserlebnis
nötigen Raum geben können.
Wir
verbrachten noch viele Stunden gemeinsam und sprachen über alle möglichen
Dinge. Nach allem, was ich an diesem Abend über ihn erfahren hatte, machte
ich mir große Sorgen um ihn Die Diskrepanz zwischen seinen Gefühlen und
seiner Lebensführung war gewaltig. Was sollte er tun? Die Schweinezucht war
alles, was er gelernt hatte. ...Wir verabschiedeten uns als Freunde."
John
Robbins schreibt weiter in seinem Buch, dass der Schweinezüchter heute eine
Musterfarm mit biologischem Gemüseanbau betreib.
"Er besitzt noch immer Schweine, aber nur zehn, und diese leben nicht
in Käfigen. Er tötet sie noch nicht einmal. Stattdessen hat er eine
Vereinbarung mit den Schulen in seiner Region getroffen. Die Schulkinder
machen Ausflüge zu seiner Farm und dürfen dort mit den Schweinen spielen. Er
zeigt ihnen, wie intelligent Schweine sind und wie freundlich sie sein
können, wenn man sie richtig behandelt....
Er ernährt
sich überwiegend vegetarisch. Er hat viel an Gewicht verloren, und sein
Gesundheitszustand hat sich enorm verbessert. Glücklicherweise geht es ihm
auch finanziell mittlerweile deutlich besser als früher.
Können Sie
nachvollziehen, warum ich diesen Mann in mein Herz geschlossen habe? Können
Sie nachvollziehen, warum er für mich ein Held ist? Er hat den großen Sprung
gewagt. Er hat alles riskiert. Er hat alles hinter sich gelassen, was seine
Menschlichkeit zu ersticken drohte. Er hat diesen Sprung gewagt, obwohl er
nicht wusste, welche Folgen das haben würde. Er ließ ein Leben hinter sich,
von dem er wusste, dass es falsch war, und beschloss, nach dem Leben zu
suchen, das für ihn richtig ist.
Wenn ich mir
viele Dinge ansehe, die heute in der Welt geschehen, habe ich manchmal
Angst, dass die Menschheit es nicht schaffen wird, ihre Probleme zu lösen
und für ihr Überleben zu sorgen. In solchen Momenten denke ich an diesen
Mann und seine innere Kraft. Und wenn ich daran denke, dass es noch viele
andere Menschen gibt, deren Herz im gleichen Takt schlägt, dann glaube ich,
dass wir es doch schaffen werden.
Mitunter bin
ich der Ansicht, dass es zu wenige Menschen gibt, die sich für die so
dringend notwendigen Veränderungen einsetzen. doch dann erinnere ich mich
daran, was ich über den ehemaligen Schweinezüchter dachte, als ich ihn das
erste Mal sah. In diesem Moment wird mir klar, dass die Helden und Heldinnen
überall unter uns sind.
Nur kann ich
sie nicht immer erkennen, weil ich meine eingeschränkten Vorstellungen davon
habe, wie sie aussehen oder sich verhalten müssten. Manchmal sind es meine
eigenen Überzeugungen, die mich behindern. Der ehemalige Schweinezüchter
ist einer meiner Helden, weil er mich daran erinnert, dass wir aus den
Käfigen ausbrechen können, die wir uns selbst und gegenseitig bauen.
gekürzt von Dagmar
Maria Jendricke
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