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Eduard Baltzer

Baltzer ist  am 4. Oktober 1814 in Hohenleina in der Nähe von Leipzig, als das fünfte Kind einer protestantischen Pfarrfamilie geboren und starb am 24. Juni 1887. 
Ab dem 13. Lebensjahr besuchte er die Klosterschule Schulpforta. .Zeitlebens hat er sich mit großer Dankbarkeit an diese Schule erinnert, "Wir lebten in der Tat in einem modernen Kloster. Die Welt draußen existierte für uns nicht. ... Die Abgeschiedenheit von der zerstreuenden, verführerischen Außenwelt war geeignet, das Leben der Innerlichkeit zu nähren und zu stärken", schreibt er später.
Diese Innerlichkeit, die an dieser Schule vermittelt wurde hat ganz offensichtlich dazu beigetragen, dass mehrere junge Menschen die ansonsten in unserem Kulturkreis üblichen und von der Kirche vorgegebenen  Begrenzungen der christlichen Religion durchbrechen konnten und sich neue Bewusstseinsebenen erschließen konnten. Dabei wurde es möglich nicht nur die verborgene Weisheit der eigenen Religion zu erfassen, sondern sie auch als Grundlage anderer Religionen und des Lebens selbst zu verstehen. Von Balzer ist übermittelt, dass er auch in den heiligen Bücher andere Religionen gelesen und aus ihnen geschöpft hat. Unter anderem hat auch Paul Deusen, der zeitgleich mit Friedrich Nietzsche in Schulpforta Schüler war, die Upanischaden aus dem Sanskrit ins Deutsche übersetzt und auch die Schopenhauer - Gesellschaft gegründet.

Edurd Baltzer wurde als evangelischer Pfarrer, für die damals hinter dem Rathaus stehende Nikolai - Kirche, nach Nordhausen geholt, und erhielt dann das Verbot, als Pfarrer für die evangelische Amtskirche, zu wirken.

1847 trafen sich in Nordhausen Menschen aus ganz Deutschland und gründeten den "Verein freier Gemeinden", er ging aus der evangelischen innerkirchlichen Erneuerungsbewegung, die sich auch "Lichtfreunde" nannten, hervor. Nordhausen wurde zum Sitz und Baltzer zum Vorsitzenden des Vereins gewählt. 

Baltzer wurde mehrfach der "Anheizung zu Hass und Verachtung" gegen Kirche und Staat angeklagt, bekam Berufsverbot und unterlag anderen Repressalien. Dennoch galt er in Nordhausen als geachtete Persönlichkeit, hatte viele Anhänger und war über 30 Jahre Stadtverordneter und wurde auch in die Verfassungsgebende Preußische Nationalversammlung gewählt. 

In unserem Stadtarchiv ist dokumentiert, das fast die gesamte Kirchengemeinde der Nikolai - Kirche auf Grund der Pfarrverbotes, mit Eduard Baltzer in die freie Gemeinde wechselte.
Da er nun
nicht mehr berechtigt war, die Jugend seiner Gemeinde zu konfirmieren, feierte er mit ihnen das Ritual der Jugendweihe. Der Name Jugendweihe wurde später von den Nazis übernommen und anschließend auch für die Rituale die in der DDR und auch heute noch mit Jugendlichen gefeiert werden übernommen, doch jeweils immer mit einem anderen Grundverständnis.

Baltzer ist der Verfasser zahlreicher Bücher über Religion, Jugend- und Volksbildung, Verfassungsrecht, Volkswirtschaft, soziale Reform und  griechische Philosophie. Über sein Buch "Pythagoras der Weise von Samos" ist auf meiner Homepage noch mehr zu finden.

Baltzer
gilt auch als Vater der vegetarischen Bewegung.
Er gründete 1867 den "Verein für natürliche Lebensweise", aus dem bald der "Deutsche Verein für naturgemäße Lebensweise" hervorging

 

Grundsätze der freien Gemeinde Nordhausen (Auszug)
"
Wir erkennen die Einheit Gottes und der Welt, in dem wir das Weltall als die ewige Offenbarung des Weltenwesens wissen. Wir verwerfen daher alle Religionen, welche Gott und Welt als zwei getrennte, wesentlich entgegengesetzte Naturen betrachteten als irrig und verderblich."

Auszüge aus einem Vortrag von Baltzer, der in seinem 1850 erschienenen Buch "Alte und neue Weltanschauung" abgedruckt ist:

Was ist Religion?
"
Meine Freunde, die Welt sagt von uns, wir hätten keine Religion. Das Urteil ist heutzutage in den Augen Mancher ein Lob, in den Augen der meisten Menschen so ziemlich das Ärgste was man über den Menschen sagen kann. .... O, man sollte sich doch nicht der Barbarei schuldig machen, Religion für den Aberglauben an selbst erdachten Gott oder Götter zu erklären, während sie den Inbegriff der heiligsten Liebe der Menschen zum Göttlichen ist, wie immer dies Göttliche dem sterblichen Auge und irrenden Geiste erscheinen mag. Vielmehr sollte man die Grenze der Religion dort erkennen, wo jener innere Lebenstrieb der Menschen, der nach dem Einklang mit dem ewig Wahren strebt erstorben ist, und man daher, selbst wenn man noch so religiös oder gläubig scheint, doch ein schwankendes Rohr oder gar ....ist.

...Aus seinem Auge strahlt die Liebe und je größer, intensiver sie ist, desto weiter, desto tiefer reicht sie, desto mehr erforscht, erkennt sie, desto höher ist ihr Entzücken, ihre Seligkeit. Doch nicht das Erkannte, oder was man glaubt erkannt zu haben, sondern das Erkennen ist ihre Religion und dass sie in dieser Erkenntnis lebe von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und aus allen Kräften. Fassen wir so, meine Freunde die Religion nicht als etwas Fertiges, sondern als etwas Werdendes, nicht als irgend eine bestimmt ausgeprägte Ansicht über Gott und die Welt, sondern als die wachsende Erkenntnis, in welcher die Fülle seines eigenen Lebens je nach dem Maße seiner Kraft, offenbart, so treffen wir gewiß das Rechte. Wir können sagen: das Leben Gottes in uns ist unsere Religion. 

Unser "Glaube" steht dann nicht in Katechismen, Bekenntnissen und unverstandenen oder gar unverstehbaren Worten, diesen lächerlichen Stützen hoffärthigen Glaubensstolzes, diesen besten Mitteln, die Menschen irreligiös zu machen, sondern unser Glaube ist dann unsere stetige Hingabe und unser Erkennen, unser tägliches Wachstum in und durch die Erkenntnis und die Tat. 

Das Reich unseres Glaubens ist dann nicht von dem des Lebens verschieden wie in der Kirche, wo die Weltanschauung, welche vor 1000 Jahren einmal die wirkliche, lebendige war, wie durch Hyons Zauberhahn versteinert steht, während die Welt außer der Kirche ganz anders sich darstellt, sondern das Reich unseres Glaubens ist eben das Leben selbst, wo alles in Wandlung, alles in lebendiger Bewegung, alles in Wachstum begriffen und ein besonderes Kirchenreich gar kein Bedürfnis, ja sogar keine Möglichkeit mehr ist.

Gerade so hatte Jesus zu seiner Zeit auch keine fertige Religion, sondern jedes Wort war ihm Bekenntnis, jeder Gedanke sein Glaube, jede Tat seine Religion, und von der versteinerten Religion, dem Tempel sagte er: ich will ihn zerstören und aufbauen in dreien Tagen, herrlicher denn zuvor.

.... Wir setzen keine Schranken und Ritualien als notwendige Zeichen unserer Religion ein, noch berufen wir uns auf außergewöhnliche Offenbarungen, wie die Schwärmer zu tun pflegen..... Andererseits aber erkennen wir in allen Religionsformen eine Gestaltung der Religion, die einmal natürlich, notwendig, den Menschen heilig gewesen ist oder noch ist, und wir ehren sie, wo wir sie finden: wer wollte die ersten Stengelblätter der Pflanze vernichten, ehe die neuen Blätter, der Blüte näher gewachsen sind? Aber wenn diese hervortreten verwelken jene von selbst.

..Die Religion des Herzens ist die Religion der Liebe und Sie wissen, wie in Jesus die Religion der Liebe im Gegensatz zur pharisäischen Rechtgläubigkeit lebendig war. Als diese Religion im Christentum zur Kirche erstarrte war, behauptete sie doch in Lehre und Leben ihr Dasein, wenn sie auch nicht vermochte dem Ganzen ihr Gepräge oder vielmehr ihren Odem zu verleihen. Erinnern wir uns, dass die alten Kirchenlehrer als letzte Blüte der Religion die geheimnisvolle Vereinigung der Seele mit Gott (unio mystica) hinstellen, auf welche in der Tat die ganze Religiosität, von der wir jetzt reden, abzielt und hinausläuft.

Daher waren ja eben die Mystiker des Mittelalters die ersten Vorkämpfer der Geistesfreiheit auf diesem Gebiet. In ihnen zerbrach die Macht des Gemüts die Macht des Verstandes, und was bewußter Erkenntnis noch verborgen blieb, das gab die Ahnung ihnen ein. So sprengt der Saft die Hüllen der Knospe entzwei und hervor treibt die Blühte in Duft und Farbenpracht.
.... Ein großes Erkennen findet statt und gestaltet sich zum Entzücken des Geistes. Die letzte dualistische Trennung von Gott und Welt verschwindet vor dem Auge. Die Gottheit ist größer als dieser unser menschlicher Traum von ihr. 


Die Gottheit ist das Wesen der Welt. Das Alleben der Natur ist das Alleben der Gottheit. Von ihr, durch sie und in ihr sind alle Dinge. Alles was ist, ist Gottes Wesen. Die Welt ewig wie er selbst, ist eine Offenbarung. Alles Endliche ist in und durch das Unendliche, alles Einzelne ist durch das Ganze, alles "Geschaffene" ist durch Gott, alles "Sterbliche" durch den, in welcher allein Unsterblichkeit hat", und wer es weiß, dass er durch ihn und in ihm ist, der ist Sohn Gottes, dass aber ist der Mensch, die zum Bewußtsein zu ihr selbst gekommenen Menschheit. 

Einmal eingetreten in dieses Bewußtsein, hören wir auf Gott zu suchen, als ob er fern von uns wäre, wir fühlen und finden ihn in uns selbst, und wissen, dass wir seines Geschlechts sind. In sich gehen muß also der Mensch....... wenn er zu Gott kommen will: "sich selbst erkennen muß er, wie der berühmte griechische Spruch fordert, in:" reinem Bewußtsein Gott schauen, in sich selbst das Himmelreich bauen, wenn er es überhaupt finden will."

In Nordhausen erinnert ein Straßenname und eine Gedenktafel an Eduard Baltzer,
Ein Vorfahre von mir, Dr. med. Ludwig Bloedau, der in Nordhausen damals ebenso beliebt war und nach dem hier ebenfalls bis heute noch eine Straße benannt ist, war ein Freund Baltzers. Er gehörte auch zu den Menschen, so, wie auch seine Tochter und sein Schwiegersohn, meine Urgroßeltern, die damals gemeinsam mit ihm aus der evangelischen Kirche in die freie Gemeinde übertraten. Für Bloedau wurde bei seinem frühen Tod gemeinsam von vielen dankbaren Bürgern der Stadt eine Stiftung gegründet, mit der in seinem Sinne über lange Zeit viel Gutes bewirkt werden konnte.
Baltzer hat auch zum Gedenken an Bloedau Gedichte geschrieben.

                                                                           Dagmar Maria Jendricke


mehr zu Balzer auch unter Persönlichkeiten
www.vegetarierbund.de   

                                                                     

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